Mondrian Ensemble «Presentimientos»


  Sonntag, 10.Mär.13
  Mondrian Ensemble:

Daniela Müller (Violine)
Petra Ackermann (Viola)
Martin Jaggi (Violoncello)
Tamriko Kordzaia (Klavier&Keyboard)
Gast: Thomas Peter (Live-Elektronik)

«Presentimientos», zu Deutsch: Vorahnungen, heisst das neue Programm des Mondrian Ensembles, und die Ahnungen gehen darin nicht nur vorwärts, sondern in alle Richtungen - mit Fantasien von Henry Purcell, mit der Uraufführung von Jürg Freys «Architektur der Empfindungen», mit Wanja Aloes «was es war» und mit Mathias Spahlingers Variationen «Presentimientos».

«...was es war? Der Fall eines Meteoriten? Der Besuch von Bewohnern des menschlichen Kosmos? Wie auch immer, in unserem kleinen Land entstand das Wunder aller Wunder - die ZONE. Wir schickten sofort Truppen hin. Sie kamen nicht zurück. Da umzingelten wir die ZONE mit Polizeikordons... und haben wahrscheinlich recht daran getan... im übrigen - ich weiss nicht, ich weiss nicht... Aus einem Interview des Nobelpreisträgers Professor Wallace mit einem Korrespondenten der RAI.» (Andreij Tarkowskij, Stalker)
  Konzert Sonntag, 10.Mär.13, 20.00
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  Programm:

Henry Purcell, Fantazia d-Moll für Streichtrio, Z 732

Wanja Aloe, was es war für Streichtrio und MIDI-Keyboard (2012)

Henry Purcell, Fantazia F-Dur für Streichtrio, Z 733

Jürg Frey, Architektur der Empfindungen (2012) für Klavier und Streicher, Auftragswerk des Mondrian Ensembles, Uraufführung

Henry Purcell, Fantazia g-Moll für Streichtrio, Z 734

Mathias Spahlinger, presentimientos, Variationen für Streichtrio und Tonband (1993)


Los Desastres de la Guerra - „Die Schrecken des Krieges“ nannte Francisco de Goya (1746-1828) seinen zwischen 1810 und 1814 entstandenen Zyklus von 82 Radierungen, der sich mit dem Spanien des napoleonischen Besatzungskriegs auseinandersetzt. Schonungslos hält der Maler darin die Lupe auf Gräueltaten und daraus resultiertes Elend. Aus eben dieser Sammlung stammt auch die Grafik Tristes presentimientos de lo que ha de acontecer (dt. „Traurige Vorahnung dessen, was geschehen wird“), das zur Vorlage für Mathias Spahlingers presentimientos wurde. Die Darstellung zeigt einen ausgemergelten Mann in zerschlissenem Gewand, das die Brust nicht mehr bedeckt. In flehender Geste richtet er die schreckensweiten Augen aufwärts - ob zum Himmel oder zum Gegner bleibt offen.

Mehr assoziativ als nachzeichnend setzt sich der bekennend politische Komponist Spahlinger in seinen Variationen für Streichtrio und Tonband mit Goyas Bild auseinander. Wie Momentaufnahmen in der Art des Grafikzyklus' wirken die zerklüftet sich reihenden Impressionen, die mitunter von rauer Schroffheit sind. Seinen kompositionstechnischen Bogen erhält das Werk dabei durch ein Konstruktionsschema, das der Komponist in Auseinandersetzung mit Arnold Schönbergs Orchesterstücken Nr. 16, den Variationen für Orchester Nr. 13 und dem Streichtrio Nr. 45 entwickelt hat: Aus ihnen las er das Prinzip des „höheren Gegensatzes zwischen Zweien als Paar und einem Dritten“. In presentimientos schlägt sich diese Entdeckung als Paaren jeweils zweier Stimmen nieder, zu denen die dritte einen Gegensatz bildet.

Visuelle Kunst wird auch in Wanja Aloes was es war zum reflektiven Bezugspunkt. Das 2012 anlässlich des Basler Andreij Tarkowskij-Symposiums entstandene Streichtrio mit MIDI-Keyboard referenziert in seinem Titel auf den Film Stalker (1979) des russischen Regisseurs (1932-1986). Stalker spielt in der „Zone“, einem militärisch abgeriegelten und zugleich mystisch aufgeladenen Gebiet, dessen Geheimnis Wunder und Schrecken gleichermassen verspricht. Sinnbildlich kann sie für die Innerlichkeit derer genommen werden, die es wagen, sie zu durchreisen.
Tarkowskijs Filmsprache galt stets als in höchstem Masse poetisch, ihre Verbindung von Klang und Bild zu „audiovisueller Polyphonie“ (H.-J. Schlegel) als Meisterstück der Rhythmisierung des Filmflusses. Gleichzeitig verweigert sie sich konsequent der definitiven Aussage und stellt den Zuschauer damit vor die unbezwingbare Herausforderung, den ungreifbaren Schlüssel zu einem hermetischen Konstrukt zu ersinnen. Dieses Prinzip schlägt sich bei was es war im Gegensatz von extrem leiser Dynamik und unablässiger Bewegung mit grosser artikulatorischer Diversität nieder. Das Zusammentreffen von Einheit und Heterogenität, Zergliederung ohne den Anspruch, das Zerfallene zu reparieren, interessieren den Komponisten dabei besonders.
Hinsichtlich der Klangkulisse seiner Filme war Tarkowskij äusserst penibel und setzte daher neben durchchoreographierten Umgebungsgeräuschen auskomponierte Musik nur sehr gezielt ein. Eine besondere Vorliebe hegte er dabei für das Barock. So erklingt beispielsweise zum Aufstieg des Stratosphärenballons in Der Spiegel Musik von Henry Purcell, dessen Fantazias Z 732-734 im Rahmen von presentimientos zu hören sind. Sie entstanden in den Jahren 1679/80 und zeichnen sich aus durch besondere Raffinesse in der Kontrapunktik, der Purcell einen undogmatischen Umgang mit den einander relativ frei zugesellten Themen entgegensetzt. Dies kommt besonders in der Fantazia Z 732 zur Geltung, die nicht weniger als fünf verschiedene musikalische Gedanken aufeinander folgen lässt. Die Vermutung, dass der junge Komponist sich mit der Gattung in erster Linie zur Verfeinerung seiner handwerklichen Meisterschaft befasste, liegt nahe. Denn seine insgesamt vierzehn Streicherfantasien sind erst entstanden, als die „Fancy“, wie diese vom 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts äusserst populäre, freie kammermusikalische Form in Grossbritannien auch genannt wurde, ihre Hochzeit bereits hinter sich hatte.

Die Frage nach dem Umgang mit traditionellen Gattungen trieb auch den Aargauer Komponisten Jürg Frey um, als ihm das Mondrian Ensemble den Auftrag für das heute zur Uraufführung kommende Klavierquartett erteilte. Dabei wurde bald klar, dass es nicht darum gehen konnte, neue oder unverbrauchte Klänge zu entwickeln, sondern vielmehr der Wunsch nach einem neuen Hören der Instrumentalbesetzung im Vordergrund stand. Die Basis hierfür schafft Frey mit dem Verfassen der Partitur, deren Entstehungsprozess er vergleicht mit den Teilen einer Pflanze: die Wurzel als Konzept, als technische und materielle Ausgangslage, die Blüte, die symbolisch für das steht, was der Komponist antizipatorisch an der Klangoberfläche beeinflussen, durch Organisation und Darstellung des Materials modellieren kann. Hiernach könne er nur noch den Interpreten vertrauen, daraus Musik entstehen zu lassen, die seiner Persönlichkeit und der Besetzung angemessen sei.
„Selbst wenn die Klänge oft leise sind, geht es in dieser Musik nicht um das Verstummen. [...] Da [die Klänge] die musiksprachliche Rhetorik verlassen haben, gibt es jetzt eher Empfindungen für die Präsenz des Klanges und für die Körperlichkeit der Stille“, beschreibt Frey die Konzentration im leisen Klang, die auch in Architektur der Empfindungen erlebbar ist, erzeugt durch seine gemächliche Bewegung zwischen p und ppp. Ihr Pendant findet diese Zurücknahme in den selten mehr als zweistimmigen, ausgedehnten Klaviersoli, mit denen das Stück beginnt und endet, während ein anderes Mal die Instrumente fast zufällig einzelne Klänge aufzunehmen scheinen, nur um sie wieder loszulassen, sobald ein anderer sich dazugesellt. Selbst in den homophonen Passagen, in denen das Quartett weite Oktavbereiche ausreizt, ist das Ziel nie die Verstärkung, sondern die wortwörtliche Weitung des Klangraums. So entsteht auch in Architektur der Empfindungen eine starke Innerlichkeit, die im Gegensatz zu der von was es war jedoch ihre Intensität aus ihrer grossen Ruhe erzielt.


Text: Lisa D. Nolte
 
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